Aus Camping - Wiki
Nach Österreich mit dem EC.
25.4.92
Draussen eine fahle Sonne über gepflegter Wald- und Wiesenlandschaft. Einige Felder mit Kunststoffplanen zugedeckt: sehen aus wie Wasserflächen in strenger Symmetrie.
Monika liest Isabell Alende Liebe und Schatten. Ich lese Ulrich Woelk Freigang. Hinter Mannheim irgendwo: flaches Land mit Tunneldurchfahrten (!). Physik: je länger er ist, desto stärker der Druck in den Ohren. Man kann seine Länge bei der Einfahrt daran abschätzen.
In Stuttgart jetzt. Der Woelk ist langweilig. Er glaubt an den Unterschied zwischen Spiel und Realität, ein ernster Mensch mit "Sonnnenfinsternis-Augen". Er hat mir nichts zu sagen.
Während wir dem Mittag entgegenfahren, verwandelt sich die Person schräg gegenüber allmählich von weiblich in männlich. Ihr erster Blick heute morgen auf meinen Buchdeckel war eindeutig der einer Frau. Jetzt liest er in Notenblättern. Ein sensibler Musiker, ein geigenspielender.
Sie macht immer dreieckige Knicke oben in die Buchseiten: Markierungen für das Mass der Lesegeschwindigkeit. Stuttgart hat einen Sackbahnhof. Für jeden Zug muss eine neue Lok bereitstehn, die hinten angedockt wird und uns in entgegengesetzter Richtung herauszieht.
Voll ist es geworden, alle Plätze besetzt. Wir sitzen versetzt einander gegenüber im offenen, verglasten Viererabteil. Neben uns ein griechisches Ehepaar, auch vesetzt zueinander.
"Wenn das Denken sich zur Welt verhielte wie eine Landkarte zur Landschaft", sagt Peter Rosei in Reise ohne Ende, mit DeChiricos Geheimnis einer Strasse vorn drauf. Ich ergänze: es verhält sich so, aber mit mehr oder weniger grossen weissen Flecken und falschen Eintragungen. Tatsächlich ist er einer wie ich, obwohl die Idee zum Cover vielleicht nicht von ihm ist.
In Ötz: Es ist ganz warm - sommerlich, wer hätte das gedacht? Wir haben dicke Jacken und lange Unterhosen für trockenkalte Nächte eingepackt. Die Kinder jeden Alters, die oben im Schnee waren, haben krebsrote Gesichter und aufgeplatzte Lippen - ja, hat sich gelohnt!
Mein Mäuschen telefoniert mit Hotel Marko und Sportpension Regina, aber das eine schliesst gerade und die andere öffnet im Juni. "Wir werden im Freien übernachten müssen", sagt sie. Ich erkläre ihr die Entstehung der Alpen (woher weiss ich das? vielleicht stimmt das gar nicht?): Faltengebirge... vor 10 Millionen Jahren, und die Täler... Sie sagt: "Der Apfelstrudel war in Sautens besonders lecker."
Erstmal hat sie Forelle bestellt, und auf dem Weg zum Klo sieht sie, wie der ausländische Koch gerade mit einem Netz einen Fisch aus dem Aquarium angelt.
"Na, ist er wenigsten frisch, der Fisch", sagtse.
Das Telefonieren nach Sautens (unserem Tatort, da, wo wir vor zwei Jahren aufeinandertrafen) will nicht funktionieren, immer besetzt. Sie hält mich für derart dusselig, dass ich womöglich die Nummer falsch aufgeschrieben habe: "Lass mich ma!" Dabei sprach die österreichische Auskunft akzentfreies Deutsch, während die Leute im Zug völlig unverständlich waren; ein breites, wie ein Gebirgsbach plätscherndes Gelalle sprachen.
Während ich vergeblich nach einer Bushaltestelle suche, findet sie heraus, dass die Vorwahl für Sautens diesselbe ist wie die für Ötz, obwohl das Kaff 10 km weit weg liegt - Minimum! Also nochmal gewählt ohne Vorwahl, und jetzt klappts.
Aber das Hotel dort ist auch geschlossen. Es sei die Zwischensaison, sagt die Wirtin der Pension Garni Gerhard, die mein Mäuschen aufgetrieben hat; die holt uns sogar mit dem Auto ab. Sie hat ein Zimmer zur Sonnenseite gewählt. Ich hätte das auf der anderen Seite genommen, jenseits von Autos und UV-Strahlen...
Wir hätten auch ins Posthotel "Kassl" einschecken können, da hat es Fitness, Tischtennis und Pool-Billard, und eine prunkvolle tiroler Barock-Fassade mit Bauernmalerei:
"Lieber Gast, in meinen Hallen mog Dirs immer wohlgefallen".
Aber es hätte 66,- Mark pro Person und Nacht gekostet. Das ist selbst mir Unternehmer zu viel. "Die knickrige Monika, wegen der mussten wir in eine Pension gehen", würde ich zu Hause erzählen, sagt sie.
Wir könnten eine "Percysche Wiederholung" inszenieren: Wir gehen in die Disco, die uns direkt gegenüber liegt.
Wie vor zwei Jahren fragt sie mich(hopsend): "Ist dir nicht zu warm in der Jacke?"
Ich sage (auch hopsend): "Ja, öh, aber das T-Shirt drunter hat am Ärmel 'n Loch."
Sie dann: "Ach, das macht doch nix."
Und ich werfe die Jacke über eine nahe Stuhllehne. Das schwarze T-Shirt mit dem Loch drin habe ich sogar dabei, leider nicht dieselbe Jacke, aber die würde mir auch gar nicht mehr passen, in den zwei Jahren habe ich mächtig zugenommen.
Erstaunliche Ähnlichkeit in der Morphologie der Täler: Wupper und Ötz. Sogar die Lage unseres Schlafplatzes scheint geographisch ähnlich dem unserer Wohnung in Wuppertal zu sein...
Eine schattige Bank am Sautener Weg, kurz hinter der Kreuzkapelle mit den 14 Kreuzigungstafeln. Es ist derselbe Weg nach "Roppen" (M. liest: "Poppen" - höchste Zeit also, dass wir es mal wieder treiben), den wir auch damals gingen mit Det, Bine und Anne. M. und ich gingen das erste Mal händchenhaltend, und Anne dozierte über Gourmets und war mythisch beflügelt von der kathartischen Wirkung endloser Spaziergänge.
Heute habe ich Mühe, auf den Holzplanken eine halbwegs schmerzfreie Stellung zu finden. Mit scheint, vor zwei Jahren war ich ein flotter Hirsch: forsch im Gang und Mädels angemacht! Mit weniger Bauch, sagt sie, hätte ich vielleicht auch mehr Lust zu poppen, und will ihn als Punchingsack benutzen. Inzwischen riecht sie nach Waldbeeren und Knoblauch, der gestrige Forellenbelag dünstet noch immer durch.
27.4.92
Von Detlef geträumt (der "Det", mit dem wir damals...):
Vor versammelter Klasse will er uns ein Lied vortragen, er habe nämlich beschlossen, Sänger zu werden. Wir wollen ihn zurückhalten, wir befürchten Peinliches. Aber es wird ganz leidlich. Das zweite Stück macht Probleme, wir sollen mitsingen: Twist and Shout oder sowas...
Interessante Gespräche beim Frühstück mit Herrn und Frau "Arzt" aus Köln: was sie wohl tun würden, wenn sie 'n 6er im Lotto hätten. Ein neues Auto auf jeden Fall, sagt er, obwohl der alte Mercedes gerade neu ist. Unsere Wirtin würde nach Rhodos gehen und dort ein Tierheim für die vielen frei streunenden Katzen und Hunde bauen.
Für die, denen nicht mehr zu helfen ist, weil zu sehr verwahrlost, die sich nicht mal mehr kratzen können in ihrem verfilzten, verlausten Fell. Die würden da in ihrem Heim erschossen, das ist doch kein Leben nich, sagt sie, die Griechen kümmert's ja nich, also würde sie da mal für Ordnung sorgen...
Ein KZ für Kleintiere ist das, denke ich. War er, der grosse deutsche Ordnungsbringer, nicht auch aus Österreich? Womöglich ist diese ihre Pension ein Heim für verwahrloste Touris? Dass ich mich noch kratzen kann, demonstriere ich ihr schonmal, während sie an unserem Tisch vorbeiläuft.
Die dicke, alte Katze von der Wirtin, die sich auch noch kratzen kann (sonst wäre sie ja schon erschossen), legt sich quer über Monikas Beine; die Augen sind schmale Schlitze in den aufgeplusterten Backen, mit dem Bauch bullert sie wie 'n Kohleofen. Der anderen Katze fehlt der Schwanz, eine Tür oder ähnlich Scharfes trennte ihn vom Rumpf.
Am Pittsburger See: Restaurant und Bootsverleih verlassen. In der Mitte des Sees eine rechteckige Insel aus Holzplanken (ein Floss für Kinder?). Gegenüber ein bemaltes Bauernhaus, alleinstehend, scheinbar verlassen; wie auf einer Bühne thront es auf einem Wiesenvorsprung, die einzige offene Stelle des sonst vom schwarzen Wald umgebenden Sees und schaut über die Längsseite des Wassertals. Das möchte ich kaufen, läge es nicht in Österreich, denn hier möchten wir nicht immer leben.
Hinterher haben wir angesengte Gesichter, rosig wie Schweine, obwohl der Himmel immer bedeckt war, nachher kam sogar Regen und Gewitter runter. Die Stirn zwieselt und die Nase hat besonders auf dem rechten Flügel zu leiden. Wir bleiben fortan im Zimmer.
Nebenan ist Einer um die 50 eingezogen, offenbar auf der Flucht vor der Ehefrau. Jetzt klagt er über "Tote Hose" in Ötz, dabei wollte er sich doch erholen (seit 22 Jahren fährt er hier hin, und immer machen die Frauen ihm schöne Augen, jetzt, da er zum ersten Mal ohne seine Schnecke unterwegs ist...)
Monika, etwas vom Wein erhitzt, hockt vor mir und schnuppert an meiner "Banane", die sie krumm und fettädrig aus dem Hosenschlitz gefischt hat. Irgendwann sehe ich nach links durchs Fenster: Da steht der dicke Hotelnachbar im feingerippten, ärmellosen Unterhemd auf seinem Balkon und schaut sinnend über Ötz - hat er uns gesehen? Und hat er nachher unser (gespieltes) Stöhnen gehört?
28.4.92
Gestritten bis Mitternacht, der nebenan muss alles mitgekriegt haben. So ist das Eheleben: inneinander verkeilt, mal lustig, mal schmerzlich... dabei sind wir gar nicht verheiratet.
Lese Juan Goytisolo, Rückforderung des Conde don Julièn, ein einziger Satz, 224 Seiten lang: "...auf dem Lande lebende Gliederfüssler mit chitinbedecktem Körper, kurzem Kophalothorax, grossem, runden Unterleib, zwei Atemöffnungen und sechs Auswüchse mit zahllosen Röhrchen..."
Der Nachbar erschien zum Frühstück im dunkelblauen Jogginganzug, in eine Wolke von Ochsenmoschus gehüllt. Noch hier oben im Zimmer hab ich seinen Gestank in der Nase. Nach und nach breiteten sich seine Duftmoleküle über den ganzen Raum aus. Als dann noch die Kleinkindfamilie hinzu kam, flüchteten wir in unser Zimmer (mit zwei Teelöffeln für den Joghurt).
Langeweile? Nein, bei der guten Luft - erkennbare Wirkung auf Haut, Fingernägel, Fusspilz, Hirn, Rücken... Der Moschusnachbar sitzt unten vor der Tür, der langweilt sich allerdings, weil er unbeschäftigt ist.
Mein Mäuschen hat wieder recht: der möchte Frauen anmachen, dieser Geruch soll sie betäuben, einspinnen, geil und gefügig machen, wie es die Tiere tun mit ihren Ausdünstungen. Wie gut, dass es sie gibt, da habe ich was zu schreiben (ich meine die Monika, nicht die Tiere).
Dagegen kommt mir immer wieder die schaurige Vorstellung, ganz allein auf der Erde zu sein: lockendes Gedankenspiel, aber nicht denkbar in all seinen Konsequenzen. Welche Lust, überall hineingehen zu können, alles ansehen, anfassen, riechen... Ich würde einen Hund halten, immer auf der Wanderschaft sein, überall gäbs genug zu (fr)essen.
Der Strom würde irgendwann aussetzen, Kühlschränke auftauen, ihr Inhalt verfaulen; aus dem Beton der Autobahnen wüchsen Unkraut und Büsche; wilde Tiere würde es wieder geben, aus den Zoos zum Beispiel... Also bräuchte ich ein Gewehr... so'n Quatsch, ebenso könnte ich, wie die Kölner, vom Lottogewinn träumen.
Jetzt schläft sie wieder, unser Bus nach "Imscht" fährt erst in zwei Stunden. Dort wollen wir Bücher kaufen... Gibt es nicht einen Film mit diesem Thema: einer allein auf der Erde? Wie könnte es soweit gekommen sein?: Von einer Gruppe Marsastronauten gelangt nur ein einziger lebend zurück zur Erde. Lange zuvor war bereits jede Verbindung zur Erde abgebrochen, ohne dass er von der Ursache erfuhr. Er landet mit seiner Kapsel im... Bodensee? Na gut, im Bodensee. Mit dem Gummiboot kommt er an Land und findet alles ausgestorben (aber wo sind sie hin, die Menschen? vielleicht weggebeamt? Oder in unterirdische Stollen geflüchtet?).
In Imscht Bücher gekauft. Rückfahrt per Autostop. Ein südtiroler Verkaufsleiter mit lüstern vorquellenden Ölaugen und langen Wimpern nimmt uns mit:
"Nett isser", flüstert sie mir auf dem Fond zu und wirft schon Blicke durch den Rückspiegel. "Wo kommst du denn her?" fragt er.
Siehe da, während ihrer wortlosen Spiegel-Kommunikation sind sie bereits bis zum "Du" gelangt. Und ich lade ihn auch noch zum Kaffee ein, weil er für uns (sie!) einen Umweg gefahren ist. Wir lernen von ihm, was ein "Verlängerter" ist: ein Espresso, aber zweimal gedrückt, also dünner, eben verlängert. Und ein "Murbruch" ist ein Erdrutsch durch einen Wassersturz. Warum die Tiroler "Fürti" zum Abschied sagen, kann er uns auch nicht erklären, sagt man eben so, sagt er. Leider vergass ich, ihn mit diesem unergründlichen Fürti zu verabschieden, das in meiner Deutung gut zur Situation gepasst hätte: "Pass bloss auf!", wegen seinem blöden Wortspiel über ihren Apfelstrudel: "Mal was anderes probieren..."
Im Weggehen dreht er sich nochmal um zu ihr, und sie grinsen sich an. Ja, er hat ein gewinnendes Lächeln, er braucht keinen Brunstduft wie unser Nachbar.
Sagt sie: "Es ist viel interessanter, ohne Auto zu reisen, man lernt so nette Leute kennen." Der Kölner Arzt von über uns ist jedenfalls an uns vorbei gefahren, dabei hat er uns bestimmt erkannt, war aber dann unfähig, das Auto anzuhalten, geschweige denn ein Stück weiter zu drehen. Das werden wir ihm nicht so schnell vergessen. Naja, so hat sie ja auch mehr Spass gehabt.
Sie ist süchtig nach den wurmigen Erdnusslocken von Balsen, dazu halbtrockener "Seestolz" aus dem Burgenland. Ihr Geist weilt derweil im diktatorischen Chile - nee, stimmt gar nicht, im sozialistischen, und der diktatorischen Tschechei des Milan Kundera - oder? Kurz vorher gab's den Danone Fruchtjoghurt "Viva" mit Erdbeergeschmack, eine Banane liegt zum Verzehr bereit auf dem Bücherhaufen.
Das alles trifft auf den gerade im Cafè Heiner mit südlichem Charme verzehrten Apfelstrudel mit Sahne, der vielleicht schon Form und Farbe verloren hat, aber noch nicht ganz entmaterialisiert sein kann. Gleich will sie noch richtig zu Abend essen.
Ötz im Abendkleid hinter fetten Regentropfen auf dem Hotelfenster. M. mümmelt an ihren Chips, hockt lesend im Bett. Ich stiere auf die Lichter draussen, die nasse Strasse und die aufgeregt flatternden Fahnen vor dem Supermarkt...
29.4.92
Seit gestern Regen, gleichmässig wie Bandnudeln, fast senkrecht vom Himmel. Ich sehe M. zum zweiten Mal den Weg runtergehen nach Ötz; über die Kreuzung, die aussieht wie die Doppelweiche einer Modelleisenbahn.
Handke ist mindestens ebenso ermüdend wie ein Gang um den Pittsburger See. Nach nur fünf Seiten schlafe ich ein in unveränderter Haltung (nur die Brille beiseite gelegt) und bin ganz tump und leer.
Die Wirtin hat uns zwei Fahrräder angeboten, und Tischtennis könnten wir auch spielen, hätte der Handwerker nicht gerade sein Zeuch da gelagert. Im Frühstücksraum finden wir jeden morgen neue, schreckliche, rechtschaffene Gestalten. Heute ein bärtiger Proll mit seiner in Asien erstandenen, viel jüngeren Ehefrau. Der Moschusnachbar ist scheinbar abgereist, sonst hätte er sich die vielleicht mal ausleihen können, oder sie hätten sie sich kumpelhaft geteilt.
Nach Ötz-Bahnhof gefahren. M. steht breitbeinig am Schalterfenster, lässt reservieren; ich bleibe bei den Fahrrädern. Inzwischen fährt unser Busfahrer auf den Vorplatz, mit dem wir beide Fahrten gemacht haben (ob er der einzige ist?). Ich glaube, er winkte mir sogar zu (schon der zweite Bekannte im Tal).
Ich frage sie, ob es klappt mit der ersten Klasse (wollte ich schon immer mal). Sie sagt, man müsse 50% draufzahlen, wär kein Wunder, dass so wenige darin fahren, mache bei uns 150 Mark aus. "Na und?" sogi, Aber sie hat ja recht, wie immer.
Auf der Rückfahrt sprimgt ihr beim Rückschalten dreimal die Kette vom hinteren Kranz ab. Beim dritten Mal geht auch die Schutzscheibe zu Bruch. Jetzt müssen wir es der Wirtin sagen, womöglich stundenlang daran rumschrauben. Erstma duscht sie sich den Schweiss ab, auf der Haut bildeten sich schon Hitzepickel. Wie sie so mit dem Pferdeschwanz und dem strabistischen Blick nackt ins Zimmer hüpft, sehe ich sie wieder so, wie sie damals war mit ihrer weissen Haut, den runden Wangen und ihren kleinen, sehr symmetrisch aufgehängten Brüsten.
Auf der Fahrt hätte mich beinahe ein blödes Verkehrsschild getötet.
Hätte mich der Dreiachserkipper überholt, während ich dem Schild auswich, er hätte mich plattgewalzt.
30.4.92
Heute nach Habichen und Tumpen gewandert. In Tumpen sitzen wir in einem zünftigen Gasthaus, der Gastraum komplett Holz verkleidet mit grossem Kachelofen (man kann sich ihn brüllend vorstellen, während das winzige Fenster gegenüber zugeweht ist vom Schnee und verklebt mit Eisblumen...). An der einen Wand vermutlich eine männliche Ahnengalerie, alle Pfeife schmauchend, der jetzige auch sehr lächelnd, diensteifrig: schwungvoll lässt er die Teller vom Tablett auf den Tisch schweben.
Bis Habichen gingen wir durch einen dunklen Märchenwald, extra aufgebaut als Kulisse für eine Verfilmung von Herr der Ringe, mit mannshohen, kubischen, moos- und farnbewachsenen Steinblöcken, den schmalen Tannenweg einfassend, als wär er mal ein Bachbett gewesen.
Kreuz und quer über den Weg und dem weichen Waldboden liefen bucklige Baumwurzeln wie Wasseradern oder Fangarme von Kraken. Steine und Unterspülungen bildeten überall Höhlen, Gruften und Schluchten, in denen man die Wohnungen der Zwerge, Waldgeister und Schlangen vermuten konnte. Der Gang wurde immer schwieriger, die Steine teilweise noch glitschig vom gestrigen Regen und der weiche Boden dazwischen unsicher. Trotz meines Rückenschmerzes war ich noch besser als sie, musste ihr helfen, einen Übergang über die Ache zu schaffen.
Einmal woltte ich einen Steinriesen aus seiner äusserst wacklig anmutenden Verankerung (frei über dem Hang liegend) ins Tal stossen. Das hätte ein Poltern und Krachen gegeben! Aber als ich mich gegen seine kalte Haut stemmte, wurde ich mir meiner Winzigkeit bewusst, und der Vergeblichkeit meiner Mühe (wie alles, was ich anfange...).
Nach dem anstrengenden Aufstieg durch die enge Schlucht der Ache öffnete sich das Tal zu einer weit einsehbaren Weidenebene, auf der Schafherden grasten. Zwei von ihnen führten uns das Paarverhalten vor: Er mit riesigem, pelzigen Hodensack (grösser als die Euter seiner Angebetenen) und in Form einer Handgranate, als wär nur ein einziges Ei darin, und seinem mitten unterm Bauch gerade nach unten baumelnden Gehänge; so stubste er sie, die unaufhörlich Grasende, zärtlich mit seinem hornigen Nasenbein vor sich her. Hielt dann sogar seine Kamelsschnauze unter ihren gelben Strahl, worauf es aus seiner Mitte auch gleich in Strömen floss. Er liebte eben alles, was aus ihr herauskam.
Wie diese und andere Tiere es bei ihrer Anatomie hinkriegen, den Pimmel zu versenken, ist mir ein Rätsel. Die beiden haben es uns nicht vorgeführt. Aber die anwesenden Kleintiere beweisen ja, dass es geht. Und mein Mäuschen ist mal wieder ganz hin und weg vom Anblick ihrer Freunde.
Sie sieht ganz süss und warm und glücklich aus, macht vor mir auf dem Tisch einen Tanz mit meiner Brille: "Nimm mich, nimm mich!" Sie sei glücklich, sagt sie, weil wir uns gut verstehen, weil wir jeden Tag vögeln und uns lieb haben und zärtlich miteinander sind. Ja, es ist schön zusammen, keine Rede von früher abfahren oder allein sein, wir hängen die ganze Zeit "aufeinander" und ineinander, machen alles gemeinsam, und ich bin nicht mörkelig.
1.5.92
Feiertagswetter für Ansichtskartenfotografen: dunkelblau der Himmel, makellos ohne Wolken, scharfe Schatten, entrückte Geräusche, im Hintegrund immer Vogelgewisper. Und einige gehen schon in kurzärmeligen Hemdchen, als hätten wir 30° im Schatten. Die sind "Sehmenschen", glauben der Erfahrung des Auges nur. Trotzdem eine sehr rasche Wende: in der Früh lag noch ein grauer Deckel mit nur wenigen, fahlblauen Löchern überm Tal. Stimmt also der Satz von Goytisolo, den ich auf der einen Ansichtskarte zitiert habe: "launiges Wetter" ist hier - an Conny geschickt, glaube ich.
Wir sind mal allein, jeder für sich los. Ich auf einer verwitterten Bank, etwas nach hinten gekippt, da brauche ich gar nicht kippeln; fast wie auf Dets Fernsehliege sitzt man mit dem Blick in den Himmel. Die stille Welt um mich herum ist überaus friedlich, nur auf die Ameisen muss ich aufpassen, rechts und links krabbeln sie zwischen den Latten und wollen mich besteigen. Den Schal muss ich um den Nacken legen, von hinten brennt die Sonne...
Die Dreitausender natürlich weiterhin mit Sahnehauben oben, obwohl schon nicht mehr so weit ins Tal reichend wie gestern. Und jetzt kann man es richtig beobachten, wie das Feuchte da oben, weil sonnengewärmt, sich als Dunst von den Schneeflächen ablöst und vom Wind fortgetragen wird (die einzigen Wölkchen am Himmel, wie weisse Fahnen aus einem Vulkankrater).
2.5.92
Konnte nicht schlafen in der Nacht. Obwohl fast ohne Schmerz und einigem Alkohol drinnen, wurde ich nicht müde, starrte auf dem Rücken liegend in die roten Vorhänge.
Vielleicht hätte ich Handke lesen sollen. Es war die schlafloseste Nacht im Ötztal. Kaum lag mein müder Kopf (vom Gang nach Tumpen und zurück mit unfreiwilligem Umweg) im Kissen, wurde ich wach und wacher, nicht mal die zwei bis drei Stunden Schlaf der ersten Nächte wurden mir gewährt.
Sollte mich ab jetzt das Cioran-Syndrom befallen (Infizierung durch Lesen, also schnell andere Lektüre)? Neinnein, ich will nich... wenn's nur was "Lokales" wäre?: Verspannungen, chemische Betten, Wasseradern ...? Und das Herz hüpft mir schon bedenklich hier im Zug (der ist stickig voll geworden, zwei andere seien ausgefallen, tönt es von hinten. Hätten wir doch die 1. Klasse...). Immerhin ist der Arno Schmidt eine Lust mal wieder (Gelehrtenrepublik) und mögliche Zuflucht, aber habe nicht mal mehr Kraft zu lesen.
Mein Mäuschen kriegt neuerdings ganz schön gemeine Einfälle: Angesichts des Andrangs in unserem EC und der merkwürdigen Gestalten, die fortwährend hin und zurück durch den Gang schleichen (meist behängt mit schrillem Zeuchs), schlägt sie vor, ein paar Güterwaggongs (Viehwagen?) anzuhängen, und die wären ja dann auch infolge Erfrierens bald wieder leer.
Ich mache "tsts" und schüttel mein weises Haupt, weil mir Treblinka einfällt. Gestern sah sie vom Frühstückstisch aus die dünne Deutsche mit Kind auf'm Arm vor der Mülltonne hantieren. Zerstapfte im Stepptanz umweltbewusst den Pappkarton, was natürlich nicht einfach war: gleichzeitig das Baby balancieren, Tonne auf und Pappe rein und zu. Sachtse: "Gezz kippt'se stattdessen dat Baby darein!" Ich darob: "Aber muss sie vorher gut plattrampeln, damit's nich so viel Platz einnimmt." Ja, Gott straft mich mit Schlaflosigkeit für solch lästerliches Reden.
Wir futtern im DSG-Salon jeder ein Putensteak: ein Kinderteller für 20 Mark. Naja, ham ja erste Klasse gespart. Die ganze Woche unter dem Eindruck der Schlaflosigkeit: dafür 650 Mark ausgegeben. Aber sie hatte ja auch die "gesunden" Seiten, die sich dann mit obigem aufhöben. Ich sollte mir das mal merken: die meisten Urlaube enden mit dem Satz: Hättste auch zu Hause bleiben können.
Dann fange ich leider an, mit ihr über "Briefstil" zu reden (ihrer an Ulli: Nun ziehe ich auch noch mit eben dem Jürgen zusammen). Ich zeige ihr an Beispielen die Füllwörter, Verbindungswörter, und wenn sie Kaugummisätze macht.
Sie darauf: Evas Stil hätte ich gar nicht so doll gefunden, trotzdem hätte ich ihr geschmeichelt, wie toll ich's fand. Meine Bestätigung solch Missverhaltens weidet sie reichlich aus, in zig Varianten bekomme ich gesagt, wie speichelleckerisch ich bin. Und ihre Briefe tät ich gleich abheften, während ich Evas wochenlang mit auf die Arbeit nähme. Hachja, wer sagte noch den Satz von ihrer nicht vorhandenen Empfindlichkeit, war ich das? Wann? Wo?
In Düsseldorf zum ersten Mal Taxi gefahren, das heisst, sie ist zum ersten Mal gefahren. Natürlich nur, weil die Bahn streikt. M. hat vermutlich noch nie aus freien Stücken ein Taxi benutzt (die Stempel auf den Fahrscheinen hat sie, soweit möglich, ausradiert, wenn sie nicht schwarz fuhr). Unser Fahrer ist ein aus unergründlicher Ferne Stammender, der die deutschen Silben stammelt wie Freddy zu Sylvester auf seiner letzten Runde. Auch seine Gebärden sind durchaus ähnlich. Aber symphatisch er! Ein gelbes Pferdegebiss - aber nett. Sagt dann gar nichts zu meinen 1,40 Mark Tipp, vielleicht zu wenig für ein Danke in dieser monströsen Stadt.